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Probleme in Nepals Schulen

Im Verlaufe der letzten 5 Jahre haben wir im Auftrag von Swisscontact in Nepal viele Schulen und den Unterricht auf allen Schulstufen besucht und dabei immer wieder die gleichen Feststellungen gemacht. Die folgenden Bemerkungen wurden auch von Kolleginnen und Kollegen aus dem Senior Expert Corps bestätigt. Sie sind aber keineswegs als überhebliche Kritik gedacht, sondern als Grundlage für die effiziente Umsetzung von Verbesserungen im Bereich des nepalesischen Bildungswesens. Wir sind uns der vielen Probleme und Schwierigkeiten in diesem armen und vom Bürgerkrieg gezeichneten Land sehr bewusst, und ein Vergleich mit einem westlichen Bildungssystem ist problematisch.

  • In den letzten Jahren wurde in Nepal die allgemeine Schulpflicht von mindestens 5 Jahren eingeführt. Das Schulsystem ist aber sehr stark zentralisiert und - verglichen mit Europa - methodisch und inhaltlich auf einem tiefen Niveau.
  • Die meisten Lehrer haben keine Lehrerbildung absolviert. Für den Kindergarten reichen als Lehrqualifikation 5 bis 8 Jahre Volksschule, für die Primarschule 10 Jahre. Für die Sekundarstufe  wird offiziell ein Bachelor oder Master im Fachgebiet und ein Bachelor in Education verlangt; diese können aber kaum je eingefordert werden. Beide Ausbildungen sind zudem auf einem sehr tiefen Niveau angesiedelt. In Wirklichkeit wählen deshalb meist nur akademisch schlechter qualifizierte Leute den Lehrberuf. Wir haben aber auch viele Gegenbeispiele von gut ausgebildeten und motivierten Lehrpersonen gesehen.
  • Es herrscht ein grosser Analphabetismus, insbesondere unter Frauen auf dem Lande (über 60%). Das Verständnis der Eltern für einen sinnvollen Unterricht ist deshalb gering.
  • Diese Eltern erwarten von der Schule möglichst früh schon (ab 3 Jahren) viel Schriftliches und Korrigiertes in den Schulheften ihrer Kinder.
  • Die Regierung bemüht sich mit Hilfe staatlicher Schulen um eine Verbesserung der Bildungssituation. Infrastruktur und Unterricht sind aber mit europäischen Verhältnissen nicht vergleichbar.
  • Daneben existieren viele Privatschulen, an welchen schon sehr früh alle Fächer (ausgenommen Nepali) auf Englisch unterrichtet werden. Die Besitzer dieser Schulen sehen in ihren Schulen häufig bloss eine finanzielle Investition und haben daher meist wenig pädagogisches Verständnis.
  • Der Unterricht verläuft schon ab Kindergarten völlig lehrerzentriert, meist ohne irgendwelche Aktivität für die Lernenden und ohne Anschauungsmaterial oder Lernhilfen. Die Lehrpersonen lesen und erklären einfach den Inhalt der sehr einfachen und fehlerhaften Schulbücher.
  • Dass eine Vorbereitung dieser Lektionen durch die Lehrpersonen nicht stattfindet, ist allgemein bekannt und akzeptiert. Dies ist auch verständlich, weil die Lehrpersonen aus finanziellen Gründen oft an verschiedenen Schulen unterrichten (müssen).
  • Durch mehrmaliges Wiederholen (am nächsten Tag, im nächsten Trimester oder im nächsten Schuljahr) werden die Inhalte auswendig gelernt.
  • Die Vorbereitung auf die Trimester-Prüfungen (Term exams) absorbiert viel Unterrichtszeit. Diese Prüfungen sind mit vielen Fragen auf tiefem Niveau auf reines Auswendiglernen ausgerichtet.
  • Diese Ausrichtung geht offenbar bis zur Universität weiter und wird vor allem durch das zentral gesteuerte Abschlussexamen nach 10 Schuljahren (SLC = School Leaving Certificate) noch verstärkt.
  • Selbstverantwortung, Phantasie und Kreativität haben kaum Platz im Unterricht.
  • Die Lehrpläne, insbesondere jene von "Social Studies" und "Moral Science" orientieren sich an hinduistischen Traditionen und althergebrachten Strukturen der nepalischen Gesellschaft.
  • Die Gewerkschaften und Parteien haben einen stark negativen Einfluss auf das Schulwesen und erpressen die Schulleiter der Privatschulen häufig mit der Androhung von Streik.
  • Die Lehrpersonen an staatlichen Schulen verdienen deutlich mehr als ihre Kolleginnen und Kollegen an den Privatschulen. Trotzdem ist das Unterrichtsniveau an den "Government Schools" bekanntermassen viel tiefer, die Ausbildung der Lehrpersonen schlechter und unregelmässiger Schulbesuch geduldet.
  • Viele Lehrpersonen an öffentlichen Schulen geben ihren Lehrauftrag "in Untermiete" an eine Kollegin oder einen Kollegen weiter (meist nicht ausgebildet), wobei sie nur einen Teil des Lohnes abtreten. Dadurch können sie – dank korrupten Schulleitern - einen weiteren Job an einer anderen Schule übernehmen.
  • Vielen Privatschulen sehen sich – unfreiwillig - als Institution zur Lehrerweiterbildung: Nach einigen Jahren Unterricht und mehreren guten Weiterbildungskursen suchen sich die Lehrpersonen eine Stelle an einer öffentlichen Schule, an der sie für weniger Arbeit mehr Lohn erhalten.