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Unser Unterrichtspraktikum in Nepal – Ein Erfahrungsbericht

 von Natalia Crameri und Jessica Schmid, Herbst 2015IMG_5089 1

 

Auch in diesem Jahr hat die Pädagogische Hochschule Graubünden, zwei ihrer Studierenden mit Urs und Dora Frey nach Nepal schicken dürfen. Wir konnten unser Glück kaum fassen, als wir die Zusage zu diesem aussergewöhnlichen Praktikumsplatz erhielten. Voller Vorfreude war der Flug dafür schon bald gebucht und die Abreise nach Kathmandu für Ende Oktober festgelegt.

Von den vorjährigen Praktikanten und auch von Urs und Dora selber hatten wir vorgängig noch einige Informationen zur nepalesischen Kultur und auch zur aktuellen Situation im Lande erhalten. Seit dem Sommer diesen Jahres sind die Grenzen zu Indien blockiert und der Import/Export von beispielsweise Medikamenten, Benzin, Diesel oder Kochgas nur sehr selten und streng reguliert möglich. Ausserdem führte der Erlass einer neuen Verfassung im Süden von Nepal zu mehreren Aufständen, wobei das ganze Land unter den Konsequenzen dieser Konflikte zu leiden hat.

Bei unserer Zusammenkunft in Kathmandu mussten uns Dora und Urs deshalb mitteilen, dass der Einsatz im südlich gelegenen Birgunj leider aufgrund der erwähnten Probleme relativ kurzfristig abgesagt worden war. Glücklicherweise hatten drei weitere Schulen im nicht weit von Kathmandu entfernten Dhadhing ebenfalls Interesse an der Unterstützung unserer zwei Experten. Sie schickten bereits am nächsten Morgen einen Fahrer, welcher uns auf ungewöhnlich abenteuerliche Weise, wenn auch sicher nach Dhadhing brachte. Die Fahrt dauerte im Vergleich zu den Zeiten vor der Grenzblockade nur halb so lang, da aufgrund des Treibstoffmangels fast keine Fahrzeuge mehr auf der Strasse waren. Auch in der Stadt selber wurde uns das Ausmass der Unruhen immer mehr bewusst. In privaten Häusern, wie auch in unserem heimeligen Hotel, wurde grösstenteils über offenem Feuer gekocht. Die Wartezeiten auf das Abendessen, welche dadurch zwangsweise etwas verlängert wurden, nutzten wir, um uns besser kennen zu lernen, oder überbrückten sie mit Karten- und Würfelspielen.

bild 1In der „New Kibou Boarding School“, sowie in der „Children Park Higher Secondary Boarding School“ durften wir die Weiterbildung der Lehrerinnen und Lehrer durch Urs und Dora Frey begleiten und unterstützen. In individuellen Unterrichtsbesuchen beobachteten wir die Lehrpersonen und versuchten mit ihnen gemeinsam neue Unterrichtsideen zu entwickeln und umzusetzen. Dabei durften wir einige erste Erfolge noch während unseres Einsatzes miterleben und teilweise eine Veränderung im Lehrstil feststellen. Sehr positiv überrascht waren wir vor allem von der „Advance Academy“, welche als Ausgleich zum Klassenunterricht auch sportliche Aktivitäten im Angebot hatte. Diese nahmen wir gleich selber in Anspruch und spielten morgens vor Schulbeginn Tischtennis, Basketball oder Volleyball mit den Schülerinnen und Schülern. Wir sind überzeugt, dass einige sehr engagierte Mitarbeiter aller drei Schulen das Gedankengut der Workshops weitergeben und sich für dessen Implementierung einsetzen werden.

Mit unserem Abschied in Dhadhing wurde zugleich bild 2Tihar, ein fünftägiges hinduistisches Festival, eingeläutet. Pünktlich zum „Gai Tihar“, dem Tag, an dem die Kuh verehrt wird, waren wir wieder nach Kathmandu zurückgekehrt. Die Stadt war wunderschön geschmückt mit Lichterketten, Kerzen und farbigen Zeichnungen auf den Strassen. Auch in den darauffolgenden Tagen wurde feierliche Stimmung durch traditionelle Musik und Newar-Tänze verbreitet. In dieser Zeit stiess Celia zu uns, welche bereits im letzten Jahr tatkräftig die Arbeit von Dora und Urs unterstützte. Alle zusammen machten wir uns auf den langen Weg gen Westen, zur „Stepping Stone English School“ in Dhangadhi-Kailali.

Nach zwei Tagen unterwegs auf den Strassen Nepals hatten wir uns schliesslich an den riskanten Fahrstil und an das organisierte Chaos auf den Strassen gewöhnt. Da der Rektor der Schule höchstpersönlich mit uns im Auto mitfuhr, um auch ganz sicher zu gehen, dass seine „Meitschi“ wohl ankommen würden, wussten wir uns in guten Händen. Unsere Unterkunft war so farbig, wie die Menschen, die ihr innewohnten fröhlich. Wir wurden stets mit traditionellen Speisen umsorgt, an freien Tagen mit Ausflügen und Festen unterhalten. Wir fühlten uns in dieser familiären Atmosphäre sofort wohl, was unsere Vorfreude auf den ersten Arbeitstag noch steigerte.

bild 3Nachdem wir nun Gelegenheit gehabt hatten, uns an das nepalesische Schulsystem zu gewöhnen, und uns mit Dora und Urs bezüglich des weiteren Vorgehens in der SSES abzusprechen und zu beraten, durften wir nun selber Workshops planen und durchführen. Beim ersten Anlass behandelten wir die Klassenführung, welche offenbar immer wieder Schwierigkeiten darstellte. Die Teilnehmer brachten viel Vorwissen vom Einsatz des letzten Jahres mit und widmeten sich intensiv unseren Vertiefungsthemen und den dazugehörigen Aufgaben. Als Produkt unserer gemeinsamen Arbeit entstand ein grosses Mindmap mit den „Must knows“ zum Nachschauen.

Mit unserer nächsten Veranstaltung wollten wir die Lehrerschaft dazu animieren, durch den Einsatz von Spielen im Unterricht auch die Lernzeit ihrer Schülerinnen und Schüler etwas aufzufrischen. Ganz bild 4nach unserem Motto „Let them do it“, organisierten wir gemeinsam mit Dora einen Abend, an welchem wir die vorgestellten Spiele gleich alle gemeinsam ausprobierten. Der Gruppe fiel es leicht, sich in die Kinder hinein zu versetzen, und sie hatten sichtlich Spass beim spielenden Lernen. Von Domino über Memory bis hin zu „Stadt, Land, Fluss“, stellten wir alle benötigten Materialien in einer Spielkiste für die ganze Schule zur Verfügung. Es freute uns nicht wenig, als wir am nächsten Morgen eine bereits halb leere Schachtel vorfanden, und sogar einiges an Material aufstocken mussten.

Im weiteren Verlauf unseres Einsatzes machten wir individuelle Unterrichtsbesuche und unterstützten die bild 5Schule in einem Brieffreunde-Projekt mit Kindern aus der Schweiz. Auch durften wir beobachten, wie Urs erfolgreich Mikroskope einführen und bei der Lehrerschaft und auch bei den Schülerinnen und Schülern beliebt machen konnte. Dora hatte mit ihrer Leidenschaft für die Arbeit mit Kleinkindern nach wie vor das Vertrauen der Vorschulstufe auf ihrer Seite und sorgte ausserdem für neue Spielsachen in der Spielgruppe. Ihre Workshops waren nach wie vor beliebt und zahlreich besucht. Der Abschied in Dhangadhi fiel uns, aufgrund vieler persönlicher Begegnungen und den entstandenen Freundschaften besonders schwer. Wir werden die Abende auf dem Badminton-Feld, die gemeinsamen Ausfahrten und das freundliche „Good morning Mam“ sehr vermissen.

Die Arbeit an den Schulen fiel uns nicht immer leicht und hat uns teilweise an die Grenze unserer Kräfte und Motivation getrieben. Doch wir haben die Menschen hier in Nepal, welche uns trotz all der vorherrschenden Schwierigkeiten sehr hilfsbereit und offen begegnet sind, in unser Herz geschlossen. Und nicht nur für die Kinder, mit welchen wir stundenlang Shuttles durch die Lüfte jagten, hoffen wir, dass wir ein kleines Stück zu einer besseren Zukunft für Bildung in Nepal beitragen konnten.

Wir zeugen unseren höchsten Respekt vor Menschen wie Dora und Urs, welche an diesem Traum festhalten und unermüdlich dafür weiterkämpfen. Wir sind sehr dankbar, einen Teil dieser Erfahrung mit ihnen geteilt haben zu dürfen.

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